Januar 2026

260113

ENERGIE-CHRONIK


Nordsee-Staaten wollen Offshore-Windenergie gemeinsam stärker nutzen

Beim dritten "Nordsee-Gipfel", der auf Einladung der Bundesregierung am 26. Januar in Hamburg stattfand, haben neun Staaten eine weitere Verstärkung ihrer Zusammenarbeit zur Nutzung der Offshore-Windkraft vereinbart. "Europa steht vor entscheidenden Herausforderungen für seine Sicherheit, Wirtschaft und Energiesysteme", heißt es in einer "Hamburger Erklärung", die von Deutschland, Frankreich, Niederlande, Belgien, Irland, Norwegen, Dänemark, Luxemburg und Großbritannien unterzeichnet wurde. "Zunehmende geopolitische Spannungen, insbesondere der anhaltende illegale Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, gefährden unsere Energiesicherheit und unterstreichen die Dringlichkeit, gemeinsam zu handeln. (...) Außereuropäische Akteure spielen eine zunehmend wichtige Rolle in Schlüsselbereichen unserer Energie Wertschöpfungsketten, was die Notwendigkeit eines gemeinsamen Ansatzes zur Diversifizierung und Sicherung unserer langfristigen Widerstandsfähigkeit, Sicherheit und Energieversorgung unterstreicht."

Die USA tauchen an keiner Stelle der Erklärung auf. Sie sind aber bei den "zunehmenden geopolitischen Spannungen" sicher mitgemeint, bevor dann explizit der seit vier Jahren andauernde russische Angriffskrieg gegen die Ukraine als entscheidende Herausforderung genannt wird. Diese neue Situation unterscheidet den dritten Nordsee-Gipfel von seinen beiden Vorgängern, bei denen sich der besorgte Blick noch ausschließlich nach Osten richtete. (siehe Hintergrund.

Bis zu 100 GW des gemeinsamen 300-GW-Ziels sollen grenzüberschreitende Kooperationsprojekte sein


Den neuesten Stand ihrer Überlegungen zur künftigen Zusammenarbeit bei der Nutzung der Offshore-Windkraft in der Nordsee haben die Experten der beteiligten Staaten in dieser schematischen Skizze zusammengefasst (Vergrößern).


In der insgesamt 13 Punkte umfassenden "Hamburger Erklärung" bekräftigen die Unterzeichner das vor zwei Jahren im belgischen Ostende formulierte Ziel, bis 2050 eine Offshore-Windkapazität von 300 Gigawatt in der Nordsee zu erreichen. Die grenzüberschreitende Verbindung dieser Windparks könne die Widerstandsfähigkeit des gesamten europäischen Stromsystems verbessern, die Abhängigkeit verringern und in Krisenzeiten für Stabilität sorgen. Als übergeordnetes Ziel strebe man an, bis zu 100 GW des gemeinsamen 300-GW-Ziels durch grenzüberschreitende Kooperationsprojekte zu entwickeln.

Erzeugung von Wasserstoff als neuer Schwerpunkt

Die Offshore-Windparks könnten ferner eine wichtige Rolle dabei spielen, die europäische Industrie "mit kohlenstoffarmem und erneuerbarem Wasserstoff und seinen Derivaten" zu versorgen. Man wolle deshalb Projekte erleichtern, die Offshore-Windenergie und Wasserstoff kombinieren. Außerdem bedürfe es der Förderung und Entwicklung von Infrastrukturen für die Erzeugung, den Transport und die Speicherung von Wasserstoff sowie der damit verbundenen Lieferketten.

Reform der Ausschreibungsverfahren

Die Unterzeichner-Staaten halten es ferner für erforderlich, die Genehmigungsverfahren für Offshore-Windenergie weiter zu vereinfachen und zu beschleunigen. Bei den Ausschreibungen bedürfe es eines Verfahrens, das ein gleichmäßig stabiles Angebot sichere und trotz wettbewerblicher Orientierung das Investitionsrisiko mindere, um privates Kapital mobilisieren zu können. Letzteres darf wohl als Plädoyer für eine generelle Umstellung der Ausschreibungen auf Differenzverträge verstanden werden (siehe Hintergrund).

Schutz vor Sabotage und Cyberangriffen

In den vier letzten Punkten der Erklärung geht es darum, wie sich die Offshore-Windparks vor Sabotage oder militärischen Angriffen schützen lassen. Einleitend wird festgestellt: "Angesichts der zunehmenden Bedrohungen für die Offshore-Energieinfrastruktur begrüßen und unterstützen wir die verstärkte multilaterale Zusammenarbeit in der Nordsee und in der Ostsee, auch im Rahmen der Nordatlantikvertrags-Organisation (NATO), soweit dies zur Verbesserung ihrer Verteidigung, ihrer allgemeinen Sicherheit und ihrer Widerstandsfähigkeit angemessen ist. Die Gewährleistung des Schutzes und der Widerstandsfähigkeit der maritimen Energieinfrastruktur erfordert eine engeKoordination und einen gemeinsamen strategischen Ansatz, um einer Vielzahl von Bedrohungen wie physischer Sabotage, Cyberangriffen oder anderen hybriden Angriffen entgegenzuwirken."


HINTERGRUND

Weshalb beim dritten "Nordsee-Gipfel" auch Island dabei war


Der erste Nordsee-Gipfel, der im Mai 2022 im dänischen Esbjerg stattfand, war eine Reaktion auf den russischen Überfall auf die Ukraine. Der damalige US-Präsident Biden hatte zuvor den Kreml-Machthaber Putin unverhohlen als "Schlächter", "Kriegsverbrecher" und "mörderischen Diktator" bezeichnet (220301). Deutschland, Dänemark, Belgien und die Niederlande beschlossen in Esbjerg, noch mehr als bisher auf die Erneuerbaren zu setzen, um die Abhängigkeit vom russischen Gas zu verringern (das Gas floss damals noch, denn erst im Sommer drehte der Kreml den Gashahn völlig zu, nachdem sämtliche Erpressungsversuche gescheitert waren).


Trump in Davos: Konnte oder wollte er nicht zwischen Grönland und Island unterscheiden?

Der zweite Gipfel fand dann im April 2024 im belgischen Badeort Ostende statt. Hier beteiligten sich außerdem die EU-Staaten Frankreich, Irland und Luxemburg sowie Norwegen und Großbritannien. Von diesen neun Staaten wurde der Ausbau der Nordsee zum "Grünen Kraftwerk Europas" beschlossen, das bis 2030 eine installierte Windkraft-Leistung von rund 120 Gigawatt erreichen soll, die sich bis 2050 auf 300 GW erhöht (230408). Damit war die Runde der sechs Nordsee-Anrainerstaaten komplett. Hinzugestoßen waren außerdem Irland und Luxemburg, die beide zwar über keine Nordsee-Küsten verfügen, aber dennoch hinreichende wirtschaftliche Gründe haben, sich der Allianz anzuschließen.

Am jetzigen dritten Gipfel beteiligten sich neben den erwähnten neun europäischen Ländern die EU-Kommission, die NATO und mehr als 140 Vertreter von Unternehmen, Verbänden und Nichtregierungsorganisationen. Außerdem war als zehnter europäischer Staat auch Island mit dabei. Es gehört zwar nicht zu den Unterzeichnern der "Hamburger Erklärung", wird in ihr aber erwähnt und als "Beobachter" begrüßt.

Island ist von der Nordsee ungefähr zweitausend Kilometer entfernt. Anders als bei Irland und Luxemburg sind auch keine wirtschaftlichen Interessen am geplanten Offshore-Ausbau erkennbar. Windkraft spielt dort bisher sowieso keine nennenswerte Rolle. Stattdessen deckt der Inselstaat seinen Strom- und Wärmebedarf zu fast hundert Prozent aus Wasserkraft und Geothermie.

Ein Blick auf die Nordatlantik-Karte lässt indessen erkennen, wie nahe Island an der noch viel größeren Insel Grönland liegt, die der US-Autokrat Trump von Dänemark abtrennen und für die USA vereinnahmen möchte. Es sind deshalb wohl außenpolitische Gründe, die Island den verstärkten Schulterschluss mit Westeuropa suchen lassen. Es gehört nicht zur EU, ist aber Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und partizipiert auf diese Weise wie Norwegen und Liechtenstein vom europäischen Binnenmarkt. Es ist außerdem Mitglied der NATO, seit deren Gründung 1949. Es besitzt aber kein Militär, sondern nur ein Verteidigungsabkommen mit den USA. Es wäre somit in einer noch schlechteren Lage als Dänemark, falls Trump beschließen sollte, in die Liste seiner Einverleibungswünsche außer Kanada und Grönland auch noch Island aufzunehmen.

Das klingt vorerst noch wie eine irre Phantasie. Aber wenige Tage vor dem Nordsee-Gipfel sah es tatsächlich so aus, als wolle Trump diese Phantasie bereits umsetzen. Da sprach er vor dem sogenannten Weltwirtschaftsforum in Davos. Es war eine seiner üblichen Reden, in denen er vor allem sich selbst lobt und am laufenden Band falsche Behauptungen aufstellt. Die Veranstalter und der Großteil des Publikums nahmen ihm das aber nicht übel, sondern spendeten untertänigsten Beifall. Sie erinnerten an die traurigen Gestalten aus dem Big Business, die dem neuen US-Imperator bei der Amtseinführung gehuldigt hatten. Als Trump dann zum Thema Grönland kam und erneut die Einverleibung der Insel durch die USA forderte, gab es keinerlei Protest. Es lachte auch niemand, als er Grönland mehrere Male hintereinander als "Iceland" bezeichnete, was im Englischen wie im Amerikanischen der Name für Island ist. War es nur ein Versehen? – Es könnte auch eine gezielte Provokation gewesen sein, denn er korrigierte die falsche Bezeichnung bis zum Schluss der Rede nicht.

Zu diesem willkürlichen Umgang mit geographisch-politischen Gegebenheiten passt auch, wie das Weiße Haus Ende Januar das EU-Land Belgien auf die Liste jener Staaten setzte, die den "Friedensrat" unterstützen würden, mit dem Trump den Vereinten Nationen Konkurrenz machen will. Die belgische Regierung sah sich deshalb zu der Klarstellung genötigt, dass hier eine Verwechslung mit dem Kreml-Satelliten "Belarus" (Weißrussland) vorliegen müsse.

 

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