September 2017

170901

ENERGIE-CHRONIK


E.ON verkauft Uniper gegen Widerstand des Managements an Fortum

E.ON will seine neue Tochter Uniper dem finnischen Fortum-Konzern überlassen, und zwar gegen den Widerstand des Uniper-Vorstands, der die Übernahme ablehnt und seine bisherige geschäftliche Strategie desavouiert sieht. Am 26. September bestätigten E.ON und Fortum den Abschluß einer entsprechenden Vereinbarung. Sie sieht vor, daß Fortum allen Uniper-Aktonären die Übernahme ihrer Aktien zum Stückpreis von 22 Euro anbietet und E.ON Anfang 2018 sein restliches Aktienpaket von knapp 47 Prozent zum selben Preis abgenommen bekommt. Faktisch würde damit die Uniper SE, die E.ON erst vor einem Jahr als als Konzernabspaltung für das konventionelle Kraftwerksgeschäft an die Börse gebracht hat (161003), von dem finnischen Konzern geschluckt.

E.ON wird durch den Verkauf voraussichtlich 3,76 Milliarden Euro erlösen. Falls sämtliche sämtliche Uniper-Aktionäre das Übernahmeangebot akzeptieren, müßten die Finnen 8,05 Milliarden Euro ausgeben. Es ist das zweite Mal, daß sie in großem Stil in den deutschen Energiemarkt einsteigen. Schon vor knapp zwanzig Jahren unternahmen sie diesen Versuch, mußten sich aber bald unter erheblichen Verlusten zurückziehen (siehe Hintergrund).

Mehrheitliche Übernahme kann als sicher gelten

Eine Mindestannahmeschwelle ist bei dem Übernahmeangebot von Fortum nicht vorgesehen. Es würde also reichen, wenn E.ON zum Verkauf seiner Minderheitsbeteiligung von 46,65 Prozent bereit wäre. Anscheinend bauen die Finnen darauf, daß sich noch weitere Uniper-Aktionäre zu dem genannten Preis von ihren Beteiligungen trennen und ihnen damit den Sprung über die Hürde von fünfzig Prozent ermöglichen werden. Schließlich fehlen nur noch knapp vier Prozent, um Uniper als Fortum-Tochter vereinnahmen zu können.

Theoretisch könnte der E.ON-Konzern von dem Verkauf, der aus steuerlichen Gründen erst im kommenden Jahr stattfinden soll, noch Abstand nehmen. In diesem Fall sieht die Vereinbarung aber vor, daß er dann sämtliche Uniper-Aktien zurückerwerben müßte, die Fortum aufgrund des Übernahmeangebots von anderen Aktionären bekommen hat. Außerdem würde eine hohe Ausgleichszahlung fällig.

Gerüchte über eine geplante Übernahme von Uniper durch Fortum gab es schon seit längerem. Es dauerte aber bis 20. September, ehe sie offiziell bestätigt wurden. Auslöser war ein Bericht der Agentur Bloomberg, der detaillierte Informationen zum Stand der Verhandlungen enthielt. E.ON sah sich dadurch veranlaßt, drei Stunden später eine Ad-hoc-Meldung zu veröffentlichen, um den gesetzlichen Vorschriften über die Veröffentlichung von Insiderinformationen zu genügen. Nochmals zwei Stunden später bestätigte auch Fortum den Bericht. Demnach befanden sich die Verhandlungen "in fortgeschrittenen Gesprächen". Die Vereinbarung über ein Übernahmeangebot zum Preis von 22 Euro pro Aktie könne noch in diesem Jahr zustande kommen.

Erster Vorstoß zur Übernahme scheiterte am Uniper-Vorstand

Fortum hob dabei hervor, das sich die Geschäftsbereiche und Kompetenzen beider Unternehmen in hohem Maße ergänzen würden. Besonders erwähnt wurden die Beteiligungen an schwedischen Atom- und Wasserkraftwerken, die Uniper von der E.ON Sverige (071010) übernommen hat, sowie die Gaskraftwerke aus der russischen Erbmasse des E.ON-Konzerns (120809). Aber auch im übrigen Europa verfüge Uniper über eine moderne und kosteneffiziente Stromerzeugung aus Gas, Kohle und Wasserkraft, die durch umfangreiche Handelsaktivitäten ergänzt werde.

Der finnische Konzern bestätigte ferner, daß er bereits einen Vorstoß zur vollständigen Übernahme des Unternehmens unternommen habe. Dieser sei aber an der ablehnenden Haltung des Uniper-Vorstands gescheitert, der auf der weiteren Unabhängigkeit bestand. Deshalb werde er sich nun – sofern die Vereinbarung mit E.ON zustande kommt – auf die Rolle eines "konstruktiven strategischen Partners" und verantwortlichen Großaktionärs beschränken. Als solcher sei er dann verpflichtet, die Interessen der Uniper-Mitarbeiter und anderer "Stakeholder" zu schützen. Er werde die bestehenden Rechte der Arbeitnehmer in vollem Umfang anerkennen. Er habe nicht die Absicht, einen Personalabbau oder eine Verlegung des Firmensitzes zu erzwingen.

Gewerkschaft und Management sind sich in der Ablehnung einig

Anscheinend will der finnische Konzern dem Eindruck entgegenwirken, daß er nur an bestimmten Bereichen von Uniper interessiert sei. Vor allem bei den Kohlekraftwerken läge es für ihn nahe, sie anderen Interessenten weiterzuverkaufen. Zugleich will er die Befürchtung der Beschäftigten zerstreuen, daß der geplante Handel mit E.ON zu ihren Lasten gehen werde. Die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) überzeugt er damit aber nicht. "Die Beschäftigten sollten auf die Worte des E.ON-Vorstands vertrauen dürfen, daß Uniper ein unabhängiges, eigenständiges Unternehmen bleibt", erklärte der Leiter der ver.di-Fachgruppe Energie, Volker Stüber. Die Arbeitnehmer hätten bislang darauf gesetzt, daß E.ON die knapp 47 Prozent Restbeteiligung schrittweise an die Börse bringen werde. Eine breite Streuung der Anteilseigner garantiere am ehesten eine organische Weiterentwicklung des Konzerns. Die jetzt geplante mehrheitliche Übernahme durch Fortum sei keineswegs die beste Lösung.

"Dies ist ein feindlicher Vorstoß von Fortum"

Ganz ähnlich äußerte sich der Uniper-Vorstand. "Dieser Vorstoß kommt unaufgefordert und entspricht nicht unserer öffentlich kommunizierten Strategie", erklärte der Vorstandsvorsitzende Klaus Schäfer nach Bestätigung der Verkaufsverhandlungen. Uniper sei in diese Verhandlungen nicht eingebunden worden. Wenn ein offizielles Angebot vorliege, würden Vorstand und Aufsichtsrat sich eingehend damit befassen und dieses "im Interesse des Unternehmens und seiner Stakeholder bewerten".

Kurz vor dem endgültigen Zustandekommen der Vereinbarung verschärfte der Uniper-Chef noch den Ton seiner Absage: "Dies ist ein feindlicher Vorstoß von Fortum", erklärte Schäfer am 25. September in einem Interview mit der Agentur Reuters. Die Finnen hätten Uniper bereits im Juli ein Übernahmeangebot gemacht, das aber durch Vorstand und Aufsichtsrat einstimmig abgelehnt worden sei. Wenn die Finnen jetzt über den Großaktionär E.ON den Hebel ansetzen würden, gehe es ihnen trotz der veränderten Strategie weiterhin um eine komplette Übernahme des Unternehmens. Bei Uniper gefährde das eine "vierstellige Anzahl von Arbeitsplätzen". Die beiden Unternehmen würden strategisch nur in Schweden und Rußland zusammenpassen.

E.ON-Aufsichtsrat will Vertrag mit Johannes Teyssen verlängern

Der Uniper-Vorstand steht mit seinem Widerstand allerdings auf verlorenem Posten. Sowohl der Vorstand als auch der Aufsichtsrat von E.ON sind für den Verkauf an Fortum. Am 29. September stärkte der Aufsichtsrat dem Vorstand demonstrativ den Rücken, indem er beschloß, "daß das derzeitige Vorstandsteam unter Leitung von Johannes Teyssen auch in den nächsten Jahren die neue E.ON führen soll". Der Vertrag mit Teyssen werde Anfang kommenden Jahres um drei Jahre bis zum 31. Dezember 2021 verlängert.

 

Links (intern)

 

 

Hintergrund

Fortum kehrt auf den deutschen Markt zurück


Der Fortum-Konzern, der jetzt mit E.ON die Übernahme der Uniper SE eingefädelt hat (siehe oben), entstand 1998 aus der Fusion des Stromversorgers Imatran Voima Oy mit dem Gas- und Ölunternehmen Neste Oy. Er gehört zu 50,76 Prozent dem finnischen Staat. In der deutschen Energiewirtschaft spielt er bisher keine nennenswerte Rolle. Die Tochter Fortum Service Deutschland GmbH mit Sitz in Hamm-Uentrop hat gerade mal 36 Mitarbeiter, die vor allem mit der Wartung von Anlagen beschäftigt sind.

Direkt nach der Liberalisierung des Strommarktes zählten die Finnen allerdings zu den ersten, die ihren Hut in den Ring warfen und große Pläne zur geschäftlichen Expansion auf dem deutschen Energiemarkt hatten. Ihre wichtigste Bastion war der Regionalversorger Elektrizitätswerk Wesertal, den sie 1999 den kommunalen Eigentümern für 760 Millionen Mark abkauften (990906). Außerdem betätigten sie sich als Stromlieferant für Stadtwerke (991117, 001106), kämpften mit den noch nicht entflochtenen Netzbetreibern um halbwegs faire Bedingungen für die "Durchleitung" (000215, 000612, 011112) und konkurrierten mit dem E.ON-Vorläufer PreussenElektra um weitere Regionalversorger in Norddeutschland (000111, 000408). Besonders aussichtsreich schien ihre Beteiligung an der geplanten Gaspipeline durch die Ostsee, die das Vorgänger-Unternehmen Neste Oy bereits 1997 mit Gazprom vereinbart hatte (060405), denn Fortum wollte am Anlandepunkt Lubmin ein gasbetriebenes Großkraftwerk zur Belieferung seiner deutschen Kunden errichten (980821).

E.ON schluckte deutsche Fortum-Tochter

Der E.ON-Konzern, der im Sommer 2000 aus der Verschmelzung von Veba (PreussenElektra) und Viag (Bayernwerk) entstand (000704), gehörte zu den größten Widersachern von Fortum. Er blockierte nicht nur den weiteren Ausbau des deutschen Brückenkopfs Wesertal, sondern torpedierte auch den Bau der Gaspipeline durch die Ostsee. Hinzu gab es eine Klausel im neuen Energiewirtschaftsgesetz, die eine "ausreichend hohe Verstromung von Braunkohle" in Ostdeutschland sichern sollte. Sie stellte den Abtransport des in Lubmin erzeugten Stroms generell in Frage und lieferte dem ostdeutschen Transportnetzbetreiber VEAG, der bis 2001 den acht westdeutschen Verbundunternehmen gehörte, auch sonst die Handhabe zu allerlei Schikanen (001106, 000712). Mit RWE-Töchtern wie envia gab es ebenfalls Ärger (001106).

Letztlich scheiterten die Finnen daran, daß Deutschland als einziges Land der EU keine Regulierungsbehörde einführen wollte und damit der Willkür und dem Lobbyismus der alten Platzhirsche breiten Raum ließ. Da half es auch nichts, daß sie ihren Deutschland-Geschäftsführer Thomas Schwerdtfeger durch einen Landsmann ersetzten (000408). Schon Ende 2001 verkündete der Nachfolger den Rückzug aus Deutschland und eine neue Geschäftsstrategie mit Konzentration auf den skandinavischen Markt (011111). Im April 2002 überließ Fortum seine deutsche Tochter für 545 Millionen Euro komplett dem Rivalen E.ON (020401). Dazu gehörte auch der Regionalversorger Wesertal, den E.ON daraufhin mit EMR und Pesag zur E.ON Westfalen Weser AG zusammenlegte (030708).

Finnen waren auch am Kuhhandel um die Ruhrgas beteiligt

Später revanchierte sich Fortum mit der gerichtlichen Anfechtung der Ministererlaubnis, mit der die Schröder-Regierung den Einspruch des Bundeskartellamts gegen die Einverleibung der Ruhrgas durch den neuen E.ON-Konzern aushebelte. Bei der außergerichtlichen Einigung mit den insgesamt neun klagenden Unternehmen sollen die Verhandlungen mit Fortum am schwierigsten gewesen sein. Als Gegenleistung für den Rückzug der Klage mußte E.ON unter anderem die Beteiligung an einem geplanten Gaskraftwerk in Lubmin übernehmen, die für die Finnen nutzlos geworden war (030101). Aus Gründen, die nur die Beteiligten kennen, scheint es dann aber doch nicht zur Erfüllung dieser Vereinbarung gekommen zu sein. Möglicherweise wurde eine Ersatzvereinbarung getroffen, weil der Konzern und seine neue Tochter Ruhrgas weiterhin gegen den Bau der Gaspipeline waren, die in Lubmin anlanden sollte und die Gazprom ursprünglich gemeinsam mit Fortum bauen wollte. Aus der Sicht von E.ON gab es keinen sinnvollen Grund für dieses Projekt, denn die vorhandenen Kapazitäten für Gas-Importe aus Rußland waren völlig ausreichend.

Gazprom verstand es aber, die beiden deutschen Konzerne BASF und E.ON mit ihren jeweiligen Interessen geschickt gegeneinander auszuspielen (050404). Hinzu kam als entscheidender Faktor, daß das Projekt nun nicht mehr nur vom Kreml betrieben wurde, sondern auch auf deutscher Seite von der damaligen Schröder-Regierung unterstützt wurde. Diese hatte sich die Förderung marktbeherrschender Großunternehmen bzw. die Züchtung "nationaler Champions" auf die Fahnen geschrieben (040701). Zugleich strebte sie auf wirtschaftlichem wie politischem Gebiet ein engeres Verhältnis mit Rußland an. Um weiterer Wohltaten wie der Ministererlaubnis für die Übernahme von Ruhrgas teilhaftig zu werden, mußte ein "nationaler Champion" wie E.ON diese außenpolitische Orientierung unterstützen.

E.ON ersetzte Fortum als Partner von Gazprom bei Ostsee-Pipeline

Nach dem Rückzug von Fortum wurde E.ON so zum neuen Partner der Russen bei der Ostsee-Pipeline, die das Projekt vor allem deshalb betrieben, um die osteuropäischen Gastransitländer besser umgehen und diese als Abnehmerländer unter Druck setzen zu können. Zunächst geschah das noch eher widerwillig (031009). Im Jahr 2004 wurde dann aber mit dem russischen Staatsmonopolisten eine vertiefte Zusammenarbeit vereinbart (040808). Ein Jahr später unterzeichneten E.ON und BASF mit der Gazprom eine Grundsatzvereinbarung zum Bau der Ostsee-Pipeline. Der deutsche Bundeskanzler Schröder und der Kreml-Herrscher Putin waren bei der Zeremonie mit dabei und signalisierten so, daß das Projekt auf beiden Seiten allerhöchste politische Protektion genoß (050902).

Außerdem unterzeichneten E.ON und Gazprom 2008 eine Absichtserklärung zur Errichtung eines Gaskraftwerks in Lubmin. Der Konzern stieg damit in jenes Projekt wieder ein, aus dem sich Fortum zurückgezogen hatte (080303). Da sich die Rahmenbedingungen für die vorgesehene Gasverstromung stark verschlechtert hatten, blieb es allerdings bei der Absichtserklärung. Zu einer Investitionsentscheidung kam es nie.

Der Uniper-Vorstandsvorsitzende Schäfer hat sicher recht damit, daß Uniper und Fortum nur in Schweden und Rußland strategisch zusammenpassen, nicht aber in Deutschland, wo die E.ON-Abspaltung den Schwerpunkt ihres Geschäfts hat. Seit dem erzwungenen Rückzug hat Fortum hierzulande so gut wie keine geschäftlichen Berührungspunkte mehr. Entsprechend groß sind die Befürchtungen, daß die Finnen ihre teuer erworbene Beute zerlegen und stückweise weiterverkaufen werden. Es bleibt abzuwarten, wieweit es tatsächlich dazu kommt. Vorerst aber kehren sie nach 15 Jahren wieder auf den deutschen Markt zurück, und das gleich mit einem mächtigen Paukenschlag.